Musik-Seminar Teil 3

Musik-Seminar Teil 3

Peter Wenger

Chantecler“ Esther Wenger

Zu der Guardia Vieja vom Teil 2 möchte ich noch wichtige Orchester hinzufügen:

Francisco Lomuto

1893-1950: Buenos Aires: Piano

Er hat 950 Platten-Aufnahmen gemacht. Er war gut befreundet mit Francisco Canaro und oft haben sie in kurzen Zeitabständen den gleichen Tango in ihr Programm aufgenommen. Lomuto ist bekannt dafür dass er viele Experimente mit ungewöhnlichen Instrumenten wagte. Besonders die frühen Lomuto Aufnahmen sind sehr ansprechend.

Bild vom Orchester Francisco Lomuto

Titel: „Soy Un Arlequin“ 1929

Titel: Lo Que Vieron Mis Ojos – Vals

Juan D‘Arienzo

1900-1976: Buenos Aires: Violine

Das Orchester Juan D’Arienzo, war sicher eines der wichtigsten in der goldenen Ära des Tangos. Ihm ist es gelungen, die Flaute welche in der Tangoszene in Buenos Aires ab 1934 um sich griff, wieder zu überwinden. Das lag vor allem an dem Rhythmus betonten Spiel seines Orchesters. Die Musik davor hatte etwas die spielerische Qualität verloren und war nicht einfach zum Tanzen. Die konsequente Ausrichtung auf die Tänzer war seine eigentliche Neuheit. Dabei wird oft vergessen, dass D’Arienzo schon ab 1928 ein eigenes Orchester hatte mit dem er auch schon Platten aufnahm. Aber die Erneuerung 1935 war noch nicht da. Trotzdem finde ich kann man Juan D’Arienzo schon erkennen, er hatte schon einen treibenden, fast hüpfenden Rhythmus welcher für ihn ganz besonders ist und welchen man auch in der goldenen Epoche noch lange hören konnte.

Hier eine tabellarische Biografie von D’Arienzo

Titel: „Victoria“ Sänger: Francisco Fiorentino 1928

Titel: „Que va cha che“ 1929 Sänger: Carlos Dante

Tango im Film

Ab 1900 gibt es den Stummfilm in Argentinien, aber es gibt danach nur einige kurze Streifen. Trotzdem ist der Stummfilm eine wichtige Zeit für für den Tango. Es war üblich in Buenos Aires, dass die Filme, egal welcher Art von Musikern (Piano) oder auch von kleinen Orchestern begleitet wurden. Die Musik hatte dabei kaum einen Bezug zum Inhalt der Filme. So spielten oft Tango-Musiker oder ganze Tango-Orchester in den Kinosälen der Hauptstadt. Diese Auftritte waren für viele Musiker wichtig und bildeten einen guten Teil ihrer Einkünfte. Viele berühmte Musiker, haben in den Kinos der damaligen Zeit die Filme begleitet. Z.B. Juan D‘Arienzo, Angel D‘Agostino etc.

Ende der 20er Jahre wurden die ersten Tonfilme aufgenommen und aufgeführt. Es dauerte aber noch etwas bis alle Kinos auch die Technik dazu hatten. Dazu gab es einen starken Protest der Musiker, weil sie dadurch die Einnahmequelle bei den Auftritten im Kino bei Stummfilmen verloren.

Der Name des ersten großen Tangofilm war einfach ¡Tango! Er kam 1933 in die Kinos.

Interpreten waren: Tita merello, Libertad Lamarque, Asucena Maizani, Luis Sandrini, Pepe Arias, Mercedes Simone, Luis Visca (El Cachafaz) Alberto Gomez, Alicia Vignoli, Juan Sarcione, Juan de Dios Filiberto, Osvaldo Fresedo, Pedro Maffia, Juan D‘Arienzo, Edgardo Donato.

Achtung in diesem Film wurden aus rechtlichen Gründen manche Lieder gelöscht.

Danach gab es viele Tangofilme mit verschiedenen Tango-Orchestern.

Tango im Radio

Relativ früh entstand eine weitere sehr beliebte Verbreitungsart der Tangomusik, das Radio. Die erste Radiosendung in Argentinien war im Jahr 1920. Ab 1924 gab es mehrere Radiostationen in Argentinien welche kontinuierlich sendeten. Ab 1935 waren es schon 1 Million Haushalte welche über ein Radio verfügten.

Hier eine schöne Dokumentation dazu von Massimo Tessari:

Im Radio wurden natürlich viele Tango-Cancion gesendet, welche auch zum Mitsingen gedacht waren und nicht zum Tanzen. Es gab dabei viele Frauenstimmen.

Tango im Cabaret

Ab den 20er Jahren gab es in Buenos Aires große Cabarets, oft mit mehr als hundert Plätzen, so wie in Paris, Berlin usw.

Das berühmteste war das Chantecler

El Cabaret „Chantecler“ 1924-1960

1924 wurde das Chantecler eröffnet. In der Nacht der Eröffnung führte das Sexteto von Julio de Caro den eigens für diesen Anlass komponierten Tango „Buen Amigo“ auf.

Geführt wurde das Cabaret von Juan Garesio und seiner Frau Giovanna Ritana. Auf der Bühne präsentierten sich alle großen namhafte Orchester des Tangos wie Eduardo del Piano, Carlos Di Sarli, Joaquin Do reyes, Atilio Stampone, Leopoldo Federico, Antonio Bonavena mit Sänger Roberto Rufino und Hector Varela, Julio de Caro und am längsten trat der „König des Taktes“ Juan D‘Arienzo im Chantecler auf.

Es gab auch Auftritte von Zauberern, Jongleuren, Verwandlungskünstlern, Akrobaten und alle Arten von Varietee-Künstlern in einer großartigen, zirzensischen Show.

Der Saal, die drei Tanzflächen bestimmt für die Tänzer, die Bar mit ihrer dazugehörigen Theke und die Bühne auf welcher die Artisten auftraten; alles war umgeben von Balkonen, ähnlich wie in den Theatern. Eine Besonderheit war die Rangordnung dieses Lokals durch die sehr hohen, großen Balkone in welchen man in absoluter Privatheit, gleichermaßen essen und tanzen konnte. Das Essen und die Getränke verlangte man diskret per Tisch-Telefon. Die roten Vorhänge aus Panne-Sammt konnten geschlossen werden um den Innenraum zu verbergen. Ein anderes Detail von Finesse war ein klimatisiertes Schwimmbad wo, zur Unterhaltung der Besucher, junge Schwimmerinnen Wasser-Spiele aufführten.

Das Chantecler wurde 1960 abgerissen. Enrique Cadicamo komponierte noch den Tango „Adios Chantecler“

La Guardia Nueva“ oder „La Linea decareana“

Eine große Veränderung entstand durch die Brüder de Caro in der Tangomusik.

Der Vater der Brüder de Caro war ein Musikprofessor aus Mailand. Er gründete 1913 ein Konservatorium in Buenos Aires im Stadtteil San Telmo. Es wurde eine der bekanntesten Quellen für Musik, Instrumente, Stimmen und Unterricht. Julio und Franzisco de Caro lernten Piano und Geige welche sie später austauschten. Der dritte Bruder Emilio lernte Geige. Sie spielten bald in einigen Tangoorchestern mit. Da das dem Vater nicht gefiel mussten sie bald das Haus verlassen und spielten dann in dem bekannten Orchester von Arolas mit. 1924 gründete Julio sein eigenes Sextett. In diesem Sextett spielten berühmte Musiker: Luis Petrucelli (Bandoneon), Pedro Maffia (Bandoneon) Francisco de Caro (Piano), Julio de Caro (Geige), Alfredo Citro (Geige), Leopoldo Thompson (Kontrabass). Sie nahmen viele Platten beim Musiklabel Victor auf. Später spielte auch Pedro Laurenz (Bandoneon) in diesem Orchester mit.

Bild vom Orchester De Caro

Er wollte seinem Vater immer beweisen, dass Tango auch eine anspruchsvolle Musik ist. Darum führte er immer mehr Elemente der klassischen Musik in den Tango ein. Er verließ als erster das Typische der Tanzmusik, einen festen, durchgängigen Rhythmus, eine festes Muster. Die Melodie wurde dominierend und der Rhythmus hatte sich unterzuordnen. Nicht der Habanera-Rhythmus bestimmte, wann die Betonungen in der Melodie, dem Gesang kamen, sondern umgekehrt die Betonungen der Melodie bestimmten den Rhythmus. Dadurch wurde die Musik viel melodiöser und variabler. Aber die Tänzer hatten im Gegensatz zu aller anderen Tanzmusik kein festes Muster mehr zu dem sie in festem Rhythmus tanzten. Dies ist eine der Besonderheiten der Tangomusik der “Guardia Nueva”. Dadurch bekam die Musik eine ganz neue Leidenschaft. Vieles an dieser neuen Musik stammte von Julios Bruder Francisco de Caro. Eine Besonderheit war auch die Geige von Julio de Caro. In Argentinien wurde sie auch Cornet-Violine genannt. Sie wurde auch in Nordamerika im Jazz benutzt. Es ist eine Erfindung von 1899 von einem Herr Johannes Matthias Augustus Stroh. Sie hat anstatt einem Resonanzkörper eine große Membran und einen Trichter. Dadurch war der Ton mehr gerichtet und dadurch auch lauter. Das wurde vor allem benutzt für Plattenaufnahmen besonders in der Zeit als noch nicht elektrisch aufgenommen wurde. Julio fand den Klang dieses Instrumentes sehr passend für sein Orchester und er hat es lange beibehalten.

Bild von Julio de Caro

Titel: „Mala Junta“ 1927

Titel: „Quejas de Bandoneon“ 1927

Titel: „El Monito“ 1928

Titel: „El Taita“ 1928

Titel: „Boedo“ 1928

Titel: „Mala pinta“ 1928

Diese neue Art Tangos zu arrangieren wurde von sehr vielen Orchestern übernommen und weiterentwickelt.

Im nächsten Teil geht es mit den 30er Jahren und vielen neuen Orchestern weiter.

Teil 4

One Reply to “Musik-Seminar Teil 3

  1. Lieber Peter,
    auch das 3. Seminar ist wieder sehr gründlich, bildhaft, kurzweilig und interessant geworden,
    gracie mille
    Thomas

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